Zwei Frauen, die in einer Reithalle stehen, lächeln einander an, während sie das Führseil eines dunklen Pferdes festhalten.
Karin Scheler

Ein Coach auf vier Hufen

Die Fragen stellte Julia Spliethoff

Karin Scheler begleitet Menschen gemeinsam mit ihrem Pferd und erlebt, wie zwischen Mensch und Tier Raum für neue Erkenntnisse und Gottes Wirken entsteht.

Frau Scheler, Sie bieten Coachings und Supervisionen mit Pferden an. Wie sind Sie dazu gekommen?

Den Stein ins Rollen brachte eine Fortbildung mit Pferden, bei der es um verantwortliches Führen und Vertrauen ging. Dort habe ich diese Arbeit zum ersten Mal intensiv kennengelernt. Danach beschloss ich, mir selbst ein Pferd zu kaufen – obwohl ich damals noch wenig Erfahrung hatte. Für mich war das auch ein Experiment: Kann ich das überhaupt?

Vorher hatte ich Fortbildungen in Beratung, Supervision und Therapie absolviert, vor allem im systemischen Bereich. Gleichzeitig wuchs der Wunsch, lieber einzelne Menschen zu begleiten als vor großen Gruppen zu stehen. Ein Jahr lang habe ich ausprobiert, ob das Pferd und ich gemeinsam arbeiten können. Rückblickend sehe ich, dass sich vieles ganz organisch zusammengefügt hat und ich so meinen eigenen Weg gefunden habe.

Ich definiere mich oft über das Tun. Das Pferd zeigt mir jedoch immer wieder: Es geht auch einfach ums Dasein.

Wie läuft eine Einheit mit dem Pferd ab?

Meist telefonieren wir zunächst und klären das Anliegen. Danach gehen wir gemeinsam auf den Platz. Schon dieser Schritt nach draußen ist für viele etwas Besonderes: raus aus dem Büro, raus aus dem Alltag, hinein in die Natur. Dabei wird vielen erst bewusst, was sie umgibt: Wind, Sonne oder Nieselregen, die Pferde auf der Weide oder vorbeifahrende Autos. Oft reicht es schon, einfach stehen zu bleiben und sich zu fragen: Bin ich gerade wirklich da? Mit dem Pferd müssen wir automatisch langsamer werden, weil es auf Hektik reagiert.

Was macht diese Langsamkeit mit den Menschen?

Dadurch kommen auch wir wieder mehr bei uns selbst an. Am Anfang beobachten wir oft einfach: Was denke ich? Was spüre ich? Wie stehe ich da? Vielen fällt es schwer, wirklich präsent zu sein. Doch genau dabei können Tiere uns einen ehrlichen Spiegel vorhalten.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich mein Pferd holen wollte. Es stand jedoch im Unterstand und fraß. Ich musste akzeptieren, dass es in diesem Moment etwas anderes brauchte als ich. Genau darum geht es häufig auch in der Arbeit: Wo gehen wir über unsere eigenen Bedürfnisse hinweg? Und wie lernen wir, die Bedürfnisse des Gegenübers wahrzunehmen? Das zeigt sich schon beim Anlegen des Halfters. Ich warte, bis das Pferd den Kopf senkt und signalisiert, dass es bereit ist. Das ist ein kleiner, aber wichtiger Moment: Ich gebe dem anderen die Zeit, die er braucht.

Was beobachten Sie bei den Teilnehmenden?

Viele Menschen nehmen Rückmeldungen von einem Pferd leichter an als von einem anderen Menschen. Das Pferd bewertet nicht, sondern reagiert unmittelbar. Dadurch entsteht oft eine besondere Offenheit. Eine Frau wollte einmal das Pferd führen und zunächst das Seil am Halfter befestigen. Beim ersten Versuch gelang es ihr nicht, das Pferd ging weiter. Kurz darauf kam es jedoch zurück und wartete auf sie. Später sagte sie selbst: Beim ersten Mal war ich nicht entschlossen genug. Für sie war das eine wichtige Erkenntnis. Statt sich über das Misslingen zu ärgern, konnte sie die nächste Chance nutzen.

Sie arbeiten viel mit Führungskräften. Was lernen Menschen durch ein Pferd über Führung?

Kommunikation, Klarheit und Präsenz. Das Pferd bemerkt jede Unsicherheit und jede innere Abwesenheit. Wenn ich gedanklich schon woanders bin, übernimmt es schnell selbst die Führung. Dabei spielt auch die Körpersprache eine wichtige Rolle. Das Pferd reagiert unmittelbar auf Widersprüche und darauf, ob ich den Raum, den ich einnehme, wirklich ausfülle. Es geht dabei aber nie um Dominanz, sondern um eine klare, respektvolle Haltung. Gute Führung beginnt mit innerer Klarheit.

Den Raum zwischen Mensch und Pferd erlebe ich immer wieder als einen Ort, an dem Gottes Geist wirkt.

Welche Haltung prägt Ihre Arbeit mit Mensch und Pferd und welche Rolle spielt Spiritualität dabei?

Meine Arbeit mit Mensch und Pferd ist geprägt von Langsamkeit, Stille und einer offenen Haltung. Es kann unglaublich viel geschehen, wenn einfach Raum da ist und nichts getan oder gesagt werden muss. Gerade dann entsteht zwischen Mensch und Pferd oft besonders viel. Das Pferd nimmt mich wahr, liest mich und reagiert auf das, was im Raum geschieht. Es geht um Offenheit, Wahrnehmung und darum, was im Hier und Jetzt geschieht. Ich denke dabei an Resonanz – an jene Momente, in denen sich etwas verändert und Lebendigkeit entsteht. Solche Erfahrungen kenne ich mit Pferden, aber auch in der Begegnung mit Menschen. Und ich glaube, dass wir sie ebenso aus dem Glauben kennen: Augenblicke, in denen etwas aufleuchtet und eine neue Wahrnehmung möglich wird. Viele Menschen suchen heute nach einer ganzheitlichen Spiritualität. Ich glaube, dass die Arbeit mit dem Pferd genau diese Sehnsucht anspricht. Deshalb ist sie für mich weit mehr als eine Methode. Sie ist Beziehung und spirituelle Erfahrung.

Wie hat die Arbeit mit dem Pferd Sie persönlich verändert?

Ich bin von Natur aus eher ungeduldig. Das Pferd erinnert mich immer wieder daran, langsamer unterwegs zu sein. Es macht nicht sofort das, was ich möchte. Genau dadurch lerne ich, meine eigenen Erwartungen zu hinterfragen. Ich definiere mich oft über das Tun. Das Pferd zeigt mir jedoch immer wieder: Es geht auch einfach ums Dasein. Hier bin ich. Und das ist genauso wertvoll.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Ich möchte in meiner Arbeit im Pfarramt wie im Coaching mit dem Pferd der Spiritualität mehr Raum geben. Ich bin mein eigenes Experimentierfeld auf meinem Weg und gebe die Erfahrungen, die ich mache, an andere weiter für ihren Weg.

Was wünschen Sie sich von der Kirche?

Ich wünsche mir Offenheit für Körperlichkeit, Naturerfahrung und ganzheitliche Spiritualität; Gerade in Krisenzeiten Räume zu öffnen für Wahrnehmung und Resonanz. Für mich geht es darum, dass wir nicht nur denken, sondern auch spüren: Wie bin ich körperlich da? Wie bin ich mit mir selbst verbunden? Und wie mit Gott? Den Raum zwischen Mensch und Pferd erlebe ich immer wieder als einen Ort, an dem Gottes Geist wirkt.

Karin Scheler

Karin Scheler ist Pfarrerin in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Anleiterin für christliche Meditation und Kontemplation, Supervisorin, systemische Beraterin sowie Paar- und Familientherapeutin. Gemeinsam mit ihrem Pferd Bylfia begleitet sie Menschen in Coaching- und Entwicklungsprozessen. Mehr Infos zu ihrer Arbeit gibt es unter www.beratung-mit-pferd.de.

Karin Scheler

Mensch-Sein in dieser Welt heißt immer auch Körper-Sein, in-Resonanz-Sein mit der Welt, die mich umgibt.

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