Zwischen Bäumen und Bächen entsteht ein Gottesdienst, der anders ist als gewohnt. Statt fester Bänke gibt es Wege, statt langer Predigt vor allem Impulse – und viel Raum für eigene Erfahrungen. Yvonne und Henning Hoffmann haben in ihrer Gemeinde Waldgottesdienste gestartet und erleben, wie Menschen draußen neu mit Gott, der Natur und miteinander in Verbindung kommen.
Wie ist die Idee entstanden, Gottesdienste im Wald zu machen?
Wir experimentieren grundsätzlich viel mit verschiedenen Gottesdienstformen – was Gruppen, Orte oder Uhrzeiten angeht. Als vor zwei Jahren wieder Kirchenvorstandswahlen anstanden, habe ich verschiedene Leute gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, mehr Verantwortung zu übernehmen. Eine sehr engagierte Frau sagte, dass sie in ihrem Beruf schon so viel am Schreibtisch sitzt und organisiert, dass sie das nicht auch noch in ihrer Freizeit machen möchte. Aber wenn wir etwas im Wald machen würden, wäre sie dabei. Das war der Anstoß für das Format. Zu der Zeit hatten wir bereits eine Pfadfinderarbeit gegründet, weil es nach Corona, abgesehen von sporadischen Familiengottesdiensten und etwas Konfirmandenarbeit, kaum Angebote für Kinder und Jugendliche gab. Wir haben gemerkt: Menschen brauchen die Natur und die Bewegung – und damit erreichen wir Leute, die wir in unseren Kirchen gar nicht gesehen haben. Mit diesem Rückenwind haben wir entschieden die Waldgottesdienste zu starten – mit einem großen Kreis an Unterstützerinnen und Unterstützern.
Was war Ihnen bei der Gestaltung der Waldgottesdienste besonders wichtig?
Uns war wichtig, dass Gottesdienst im Wald nicht heißt, dass wir einfach die Bänke nach draußen stellen und dasselbe machen wie drinnen. Wir wollten etwas ganz Eigenes entwickeln.
Wir wollten etwas ganz Eigenes entwickeln.
In der Startphase haben wir gemerkt, dass es zwar Achtsamkeitsformate gibt, aber im christlichen Kontext kaum Vorbilder für das, was wir vorhatten. Also haben wir aus unseren eigenen Erfahrungen heraus etwas entwickelt. Wir arbeiten mit klassischen Elementen wie Gebet und Gesang, verbinden diese aber mit naturspirituellen Zugängen. So erkennen Menschen vieles wieder – erleben es aber in einer ganz anderen Form.
Sie sagen, der Waldgottesdienst ist nicht einfach ein klassischer Gottesdienst im Freien. Was ist konkret anders?
Wir beginnen auf einer großen Wiese am Waldrand. Beim letzten Mal waren etwa 70 Personen dabei. Nach einem Begrüßungslied starten wir mit einem Körpergebet, um die Menschen erst einmal ankommen zu lassen. Dann gehen wir ein kurzes Stück gemeinsam, vielleicht fünf Minuten, bevor wir tiefer in den Wald hineinlaufen. An einer Stelle mit zwei großen Bäumen halten wir immer an. Für uns ist das wie ein Tor, ein bewusster Übergang. Dort gibt es einen ersten Impuls und eine Frage, die die Menschen mit auf den Weg nehmen. Danach gehen wir schweigend weiter. An einem Bach mit einer kleinen Biegung sammeln wir uns wieder. Dort gibt es einen weiteren Impuls und ein Lied. Für den nächsten Abschnitt können die Teilnehmenden wählen: schweigend gehen oder sich austauschen. Am Ende kommen wir an einem kleinen See an. Dort gibt es eine Abschlussrunde, in der jede und jeder teilen kann, was er oder sie erlebt hat. Das ist unglaublich vielfältig. Manche knüpfen an unsere Impulse an, andere bringen ganz eigene Gedanken ein. Diese Offenheit ist für uns immer wieder erstaunlich. Danach gibt es einen Segen – und dann Kaffee und Kuchen. Insgesamt dauert der Gottesdienst etwa zwei Stunden.
Können auch Menschen teilnehmen, die nicht so gut zu Fuß sind?
Anfangs- und Endpunkt sind mit dem Auto erreichbar. Der Weg mit den Stationen ist zwei Kilometer lang und muss gegangen werden, um an den Impulsen teilnehmen zu können. Die Strecke ist aber kinderwagentauglich.
Welche Haltung ist dabei besonders entscheidend?
Es geht darum, Räume zu öffnen – nicht darum, Menschen zu etwas zu drängen. Wir bleiben einladend und bewerten nicht, was geteilt wird. In den Abschlussrunden darf alles nebeneinanderstehen. Diese Offenheit prägt das ganze Format. Es geht um Freiheit und darum, dass jede Erfahrung sein darf.
Sie haben das Format jetzt mehrfach ausprobiert – wie entwickelt es sich weiter?
Bisher haben wir drei Waldgottesdienste gefeiert, im Herbst und im Frühling – und hatten großes Glück mit dem Wetter. Vielleicht wird daraus ein Format für alle Jahreszeiten. Das entwickelt sich tatsächlich im gemeinsamen Ausprobieren.
Wen erreichen Sie mit diesem Angebot?
Menschen aus der ganzen Region. Es kommen nicht nur Leute aus unseren Gemeinden und auch altersmäßig ist es sehr gemischt: vom Konfirmanden bis zu Seniorinnen und Senioren. Beim letzten Mal waren sogar erstmals Kinder dabei – und ein kleiner Hund.
Uns ist wichtig, sowohl die Menschen mitzunehmen, die ohnehin in unsere Gottesdienste kommen, als auch diejenigen einzuladen, die sonntags sonst nicht in die Kirche gehen würden – aber eine Sehnsucht danach haben, Gott zu begegnen. Viele haben bereits einen Zugang zur Natur, erleben dort Ruhe und Erholung und entdecken dann vielleicht: Das ist auch ein Ort, an dem ich dem Schöpfer begegnen kann.
Wie gelingt es Ihnen, persönliche Erfahrungen und Glauben miteinander zu verbinden?
Uns ist wichtig, beides zusammenzudenken: einen offenen Raum für persönliche Erfahrungen zu schaffen – und diese gleichzeitig in Beziehung zu Gott zu setzen. Menschen dürfen erst einmal wahrnehmen, was die Natur, die Stille oder die Bewegung in ihnen auslösen. Aber wir lassen diese Erfahrungen nicht einfach unverbunden stehen, sondern helfen dabei, sie spirituell einzuordnen.
Menschen dürfen erst einmal wahrnehmen, was die Natur, die Stille oder die Bewegung in ihnen auslösen.
Dabei geht es uns nicht darum, jemandem etwas überzustülpen. Auch Menschen, die sich selbst vielleicht gar nicht als gläubig bezeichnen würden, sollen sich eingeladen fühlen. Gleichzeitig machen wir deutlich: Für uns gehört Gott mit dazu. Wir verstehen die Natur als Schöpfung und als einen Ort, an dem Menschen Gott begegnen können.
Gab es Widerstände gegen dieses neue Format?
Wir wollten dem Ganzen bewusst die gleiche Wertigkeit geben wie einem klassischen Gottesdienst. Deshalb fällt an diesem Sonntag der reguläre Gottesdienst in der Kirche aus. Und erstaunlicherweise hat sich niemand darüber beschwert. Menschen aller Altersgruppen haben sich sehr offen darauf eingelassen – das hat uns selbst überrascht.
Wie ist die Resonanz insgesamt?
Sehr positiv. Auch andere Gemeinden finden die Idee spannend und überlegen, etwas Ähnliches auszuprobieren. Wir leben in einer ländlichen Region, viele Menschen sind gerne draußen unterwegs. Ich habe den Eindruck, dass wir mit dem Format sehr nah an ihrer Lebenswelt sind.
Was würden Sie Gemeinden raten, die selbst starten wollen?
Um ein Gefühl dafür zu bekommen wie man Natur und Spiritualität gut verbinden könnte, lohnt es sich, selbst erst einmal an solchen Formaten teilzunehmen oder sich inspirieren zu lassen. Man muss sich innerlich ein Stück weit vom klassischen Gottesdienstbild lösen. Es geht aber nicht darum, alles sofort umzukrempeln. In manchen Gemeinden ist es sinnvoll, Menschen langsam heranzuführen.
Wer gestaltet die Waldgottesdienste – sind Sie als Team unterwegs?
Ja, wir sind inzwischen ein Team von sieben Personen mit ganz unterschiedlichen Kompetenzen, unter anderem auch ein ehemaliger Förster.
Wie entwickeln Sie das Format weiter?
Wir lassen uns inspirieren von dem, was andere entwickeln, und schauen, was wir davon aufnehmen können. Gleichzeitig bleiben wir offen und experimentierfreudig. Wir profitieren dabei von dem Netzwerk und den Angeboten von „geerdet glauben“. Wir selbst werden die neue Ausbildung zu Begleitern in christlicher Naturspiritualität in der ELKB ab Februar 2027 absolvieren.
Wir lassen uns inspirieren von dem, was andere entwickeln, und schauen, was wir davon aufnehmen können.
Welche Rolle spielt für Sie das Thema Schöpfung und Naturbewahrung?
Es ist schön, Menschen für die Natur zu begeistern – und dafür, sie zu bewahren. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern aus einer inneren Haltung heraus: Wenn ich mich mit der Natur verbunden weiß, dann möchte ich auch, dass es ihr gut geht.
Was darf bei Ihrem Format unperfekt sein?
Eigentlich alles. Uns war wichtig, von Anfang an transparent zu machen, dass wir ausprobieren. Dass wir gemeinsam unterwegs sind, Dinge testen und danach reflektieren.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich bin sehr gespannt, was entsteht, wenn wir uns stärker vernetzen und weiterbilden. Da steckt viel Dynamik drin. Ich glaube, dass diese Form von Spiritualität Auswirkungen auf viele Bereiche haben wird – auf die persönliche Glaubenspraxis genauso wie auf die Gemeindearbeit.
Vielleicht fließen Elemente in die Konfirmandenarbeit ein. Nicht für alle ist das der richtige Zugang – aber in jeder Altersgruppe gibt es Menschen, für die genau das passt.
Könnte diese Form von Kirche im Grünen ein Modell für die Zukunft sein?
In vielen Prozessen erleben wir, dass Kirche kleiner wird. Naturspiritualität bringt hier eine ganz andere Dynamik hinein. Sie zeigt: Kirche ist mehr als Gebäude und Strukturen – sie ist überall lebbar. Uns ist wichtig, Menschen dazu zu befähigen, ihren Glauben selbst zu leben – unabhängig davon, ob ein Pfarrer dabei oder ein Gebäude vorhanden ist. Natur ist nicht limitiert, deshalb halte ich das für sehr zukunftsfähig.