Isabel Hartmann und Reiner Knieling beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie Spiritualität und Organisationsentwicklung in der Kirche zusammenfinden können. Mit ihrem Ansatz „Geist und Prozess“ begleiten sie Menschen in Veränderungsprozessen. Für ganzhier starten sie nun einen Podcast.
In Ihrer Arbeit verbinden Sie spirituelle Orientierung mit professioneller Prozessgestaltung. Welche Erfahrungen haben Sie dazu geführt?
Hartmann: Wir haben vor mehr als fünfzehn Jahren damit begonnen. Damals war die Sehnsucht nach Stille, Einkehr und geistlichen Oasen sehr groß – sowohl bei Ehrenamtlichen als auch bei Hauptamtlichen in Kirche und Diakonie. Dafür gab es auch gute Angebote wie Einkehrhäuser oder Exerzitien. Was jedoch fehlte, war diese Dimension im Alltag: in Sitzungen, in Teams, mitten im Arbeitsprozess. Wie kann man dort innehalten, auf Gott hören, sich innerlich klären – gerade dann, wenn Anforderungen auf einen einprasseln? Allein gelingt das oft. Aber im Miteinander entsteht schnell Unsicherheit oder Scheu.
Knieling: Uns hat die Frage bewegt, wie zentrale theologische Aussagen erfahrbar werden. Was bedeutet es konkret, dass Gott gnädig ist? Lässt sich das auch in einem Kirchenentwicklungsprozess erleben – oder sogar in Personal- und Haushaltsfragen? Oft fehlt die Verbindung zwischen Glaubenssprache und Alltag.
Hartmann: Wir wollten Spiritualität aus der Privatsphäre herausholen. Dabei geht es um das WIR: Wie können wir gemeinsam auf Gott hören und daraus Kraft schöpfen? Viele wertvolle Impulse gehen verloren, wenn es dafür keinen Raum gibt.
Bei Gremienarbeit denken die meisten nicht zuerst an inspirierende Sitzungen. Was reizt Sie an diesem Raum?
Knieling: Es geht um Wirksamkeit. Wie prägt unser Glaube konkrete Entscheidungen? Wenn sich ein Leitungsgremium geistlich ausrichtet, wirkt das viel tiefer, als wenn Spiritualität nur im Feierabend stattfindet. Kirche ist Gemeinschaft – das sollte auch in Entscheidungsprozessen spürbar sein.
Hartmann: Wenn sich Glaube nicht im Alltag bewährt, wozu ist er dann da? Gleichzeitig merken wir: Es braucht neue Wege. Immer wieder die gleichen Lösungen zu variieren, führt oft zu Frustration. Wer Neues sucht, braucht neue Kraftquellen – und die Erfahrung, dass Gott darin wirksam ist.
Knieling: Organisationen werden oft wie Maschinen betrachtet. Aber sie sind eher Organismen – lebendige Gefüge. Entscheidend ist die Kultur des Miteinanders. Wo Vertrauen wächst, entstehen bessere Entscheidungen. Die Frage ist: Wie kommen wir dorthin?
Sie sagen, neue Lösungen entstehen im gemeinsamen Hören. Wie erleben Sie das konkret?
Hartmann: Zum Beispiel durch bewusste Momente der Stille. Wir treten einen Schritt zurück, lassen eigene Denkmuster los und hören, was sich zeigt. Das betrifft Kopf, Körper und Geist gleichermaßen. Im Austausch darüber entsteht oft mehr Tiefe, als wenn solche Eindrücke unausgesprochen bleiben.
Knieling: Dabei spielt auch Körperwahrnehmung eine Rolle. Ein Kloß im Hals kann ein Hinweis sein, etwas auszusprechen. Wenn „der Elefant im Raum“ benannt wird, entsteht Klärung. Das ist nicht immer leicht, aber befreiend. Die Herausforderungen bleiben, aber die Haltung verändert sich. Und mit Hoffnung und Zuversicht entstehen neue Spielräume.
Welche Erfahrungen möchten Sie im ganzOhr Podcast weitergeben?
Knieling: Der Titel bringt es gut auf den Punkt: Es geht darum, die eigenen Sinne zu schärfen. Wir sprechen mit Menschen darüber, wie sie in ihrem Alltag ganz Ohr sind.
Der Podcast lebt also von Begegnungen?
Hartmann: Ja, wir laden Menschen ein, die erzählen, wie sie hören – auf sich selbst, auf andere und auf Gott. Zum Beispiel starten wir mit einer City-Diakonin aus Stuttgart, die mitten im Alltag auf die leisen Zwischentöne achtet. Wir wollen Zuhörende einladen, sensibler für diese Dimension zu werden und Worte dafür zu finden, jenseits theologischer Formeln.
Wer wird denn zu Gast sein?
Knieling: Wir sprechen u.a. mit einem Journalisten, einer Logopädin, einem Politiker, einer Unternehmerin. Und wir finden besonders spannend, wie sie in ihren unterschiedlichen Berufen und als Persönlichkeiten ganz Ohr sind. Die Mischung macht’s: Mal humorig, mal nachdenklich, dann wieder überraschend anders.
Was interessiert Sie an diesen Gesprächen besonders?
Hartmann: Das Überraschungsmoment. Wir sind offen, ganz Ohr, für das,was entsteht. Wir wissen nicht genau, wohin das Gespräch führt. Das macht es lebendig und erweitert auch unser eigenes Gottesbild.
Knieling: Uns interessiert das Zusammenspiel von Glauben und Leben: Wie ist Gottes Gegenwart im Menschlichen erfahrbar und wie können wir darüber sprechen?
Wer sollte unbedingt reinhören und warum?
Hartmann: Alle, die neugierig sind und ganz Ohr sein wollen. Der Podcast soll ein Raum sein, der über das Hören der Folge hinaus weiterwirkt und hilft, im eigenen Leben Wesentliches aufzuspüren – auch über kirchliche Grenzen hinweg.
Knieling: Besonders Menschen, die spüren, dass die bisherige religiöse Sprache nicht mehr trägt, die aber weiterhin auf der Suche sind. Im Gespräch entstehen manchmal Sätze, die stimmig und kraftvoll sind. Reinhören sollten die, die wissen wollen, wie der Glaube im Alltag wirkt.
Was macht ganzhier.de zu einem guten Ort für den Podcast?
Hartmann: Was wir an ganzhier besonders schätzen, ist die Offenheit für unterschiedliche Perspektiven auf Spiritualität. Hier kommen Stimmen zusammen, die nicht alle aus derselben Tradition sprechen – und genau darin liegt eine große Stärke. Es entsteht ein Resonanzraum, in dem verschiedene Erfahrungen, Zugänge und Sprachformen miteinander in Beziehung treten können, abseits von Schubladen. Das finden wir großartig, weil wir selbst auch nicht in festen Kategorien denken.
Knieling: Unser gemeinsames Anliegen ist es genauer hinzuhören, Unterschiede stehen zu lassen und gleichzeitig Verbindungen zu entdecken.
Warum haben Sie sich für das Medium Podcast entschieden?
Hartmann: Unsere Arbeit lebt vom Dialog. In Begegnungen entsteht ein Raum, in dem sich etwas ereignet, oft auch etwas Geistliches. Es reizt uns, dafür Gastgeberin und Gastgeber zu sein und dabei selbst von der Gegenwart Gottes beschenkt zu werden. Auch wer dem Gespräch zuhört, kann etwas davon erleben.
Wenn Hörerinnen und Hörer aus der ersten Folge nur einen Gedanken mitnehmen sollten – welcher wäre das?
Hartmann: Zuhören kann Mut schenken – den Mut, zu dem zu stehen, was sich in mir zeigt, und es auszusprechen.
Knieling: Die Frage: Wo will ich ganz Ohr sein? Für Gott, für andere, für mich selbst – und für die Zwischenräume. Genau dazu laden wir ein.