In allen großen religiösen und spirituellen Traditionen hat das Mitgefühl große Bedeutung – als Ausdruck göttlicher Barmherzigkeit, als tätige Nächstenliebe und als innere Haltung, die tiefe Begegnung und fruchtbares Miteinander erst ermöglicht. Berührbarkeit, Vergebungsfähigkeit, Zuversicht und Lebensfreude verdanken sich einem Mitgefühl, das frei fließen kann – auch uns selbst gegenüber. Der mitfühlende Mensch verkörpert Verbundenheit statt Verstrickung, Zugewandtheit statt Vereinzelung, Berührbarkeit statt Immunität gegen Schmerz.
Obwohl die christliche Erzählung eine starke Vision vom mitfühlenden Gott und mitfühlenden Menschen entfaltet, haben wir zu wenig Praxis darin, Mitgefühl zu ersehnen, zu erlernen, zu üben und zu vertiefen.
Wie lernen und üben wir eine mitfühlende Haltung uns selbst und dem Anderen gegenüber?
Wie lässt sich der Strom des Mitgefühls auf die nichtmenschliche Welt ausdehnen und üben?
Welche Bedeutung hat das Mit-Leiden als ein Gesicht des Mitgefühls?
Und wie ändert Mitgefühl mein Weltverhältnis?
Mitgefühl macht nicht nur Verbundenheit, Verwandtschaft und Angewiesensein erfahrbar – es schärft unsere Wahrnehmung auch für die Wirklichkeit der Trennung, der wir als Menschen von Geburt an ausgesetzt sind, und die als Schöpfungsprinzip unsere Akzeptanz und Liebe verdient. Auch die Grenze, die für mich oder den Anderen Leiden bedeuten kann, ist ein heiliger Ort.
In diesem Seminar üben wir auf vielfältige Weisen Mitgefühl ein: für uns selbst, den Anderen und auch für das radikal Andere, die nichtmenschliche Welt. Dabei schöpfen wir aus christlichen, buddhistischen und animistischen Zugängen wie aus der Poesie, in der seit jeher die Kraft tiefer Einfühlung atmet.