Musik kann berühren, verbinden und spirituelle Räume öffnen. Musiker Uwe Steinmetz erzählt, warum Klang für ihn ein Weg zu Gott ist – in Kirchengebäuden und in der Natur.
Wo liegen Ihre musikalischen Wurzeln?
In meiner Schulzeit hatte ich die Möglichkeit, Saxophon zu lernen – über ein Förderangebot, weil meine Eltern weder die finanziellen Mittel noch einen Zugang zu Musik hatten. So kamen ein Instrument und ein Saxophonlehrer in mein Leben, der eine sehr große Schallplattensammlung besaß und unglaublich viel Musik hörte. Er sagte: „Wenn du ein Instrument lernst, musst du auch Musik auch hören.“ Anfangs hat mich Jazz verwirrt. Die Expressivität war mir als Kind fremd, ich habe sie nicht verstanden. Ein paar Monate später fand ich durch eine Aufnahme des blinden Saxophonisten Eric Kloss einen Zugang – und plötzlich erschien mir alles an der Improvisation ganz selbstverständlich.
Zu Beginn Ihres Studiums waren Sie ein halbes Jahr in Indien als Musiklehrer. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?
Sehr stark. Ich habe dort erlebt, wie tief und vielschichtig Musik berühren kann – weil sie in der indischen klassischen Tradition eng mit spirituellen Vorstellungen verbunden ist. Musik wirkt auf den Körper, spricht in der Lehre von den Chakren verschiedene Zentren in uns an. Diese Erfahrung hat mich nachhaltig verändert. Mir wurde klar: Ich möchte eine Musik wie diese selbst entwickeln. Seit über 25 Jahren versuche ich nun, die Schnittstellen von Spiritualität und Jazz zu erforschen und zu bespielen, diese Traditionen zu verstehen und Musikerinnen und Musiker zu vernetzen, die ähnlich denken. Seit 2024 arbeite ich als Dekanatskirchenmusiker in der bayerischen Landeskirche und hoffe, dass diese Art von Musik in Kirchen künftig stärker präsent sein wird.
Musik kann nicht religiös eingegrenzt werden. Sie überschreitet Grenzen. In ihr schwingt etwas Universelles des Menschlichen.
Diese spirituellen Einflüsse sind nicht christlich geprägt. Warum also der Weg in die Kirche?
Am Ende meines Aufenthalts sagte eine Lehrende zu mir: Wenn dir Spiritualität in der Musik so wichtig ist, dann müsstest du eigentlich Christliche Kirchenmusik machen. Ich war selbst nicht kirchlich sozialisiert. Was mich dabei geprägt hat: Diese hinduistische Frau spielte und sang mir Musik von Bach auf eine Weise vor, die mich tief berührt hat. Das hat mir gezeigt, dass Musik nicht religiös eingegrenzt werden kann. Sie überschreitet Grenzen. In ihr schwingt etwas Universelles des Menschlichen.
Auch die Idee, dass unterschiedliche Musik unterschiedliche Bereiche des Menschen anspricht, findet sich in der christlichen Mystik. Musik ist, christlich gesprochen und im Sinne Luthers, eine Gottesgabe. Sie kann Türen öffnen. Ob wir hindurchgehen, und durch die Musik Gott näher kommen, ist eine andere Frage.
Welche Rolle kann Jazz in der Kirche spielen?
Religiös inspirierter Jazz ist kein Gegenentwurf zur klassischen Kirchenmusik, sondern eine verbindende Musiksprache. Er bringt verschiedene Traditionen zusammen und eignet sich deshalb besonders, um gegenwärtige Musiktraditionen verschiedener Kulturen in liturgische Kontexte zu integrieren. Das liegt tief in seiner Entstehensgeschichte – von New Orleans bis heute.
Und Popmusik? Konkurrenz für die Kirchenmusik oder Bereicherung?
Die Idee von Konkurrenz halte ich für falsch. Musik muss und kann auch nichts verteidigen. Für die Kirchenmusik steht die Verkündigung des Evangeliums im Zentrum. Musik ist ein Weg, davon zu erzählen. Ich wünsche mir mehr religiös inspirierte Künstlerinnen und Künstler aus der freien Musikszene und ihre Musik als Brückenbauer in unseren Gottesdiensten. Es bedarf Kirchenmusikerinnen und -musikern, die verschiedene Stile der Gegenwartsmusik kennen und vermitteln können und die auch außerhalb der Kirchen Musik machen.
Was können wir von Bach und seinen Zeitgenossen lernen?
Kirchenmusik verbindet Vergangenheit und Zukunft. Bach hat ständig neue Einflüsse aufgenommen – aus der Oper, aus anderen Ländern, aus älteren Traditionen. Kirchenmusik war für ihn immer aktuell und informiert von Erbe und Zukunftstvision. Es ist schön, wenn dieses offene, hörende Arbeiten auch unser Muszieren prägt.
Kirchenräume sind akustisch speziell. Geht jede Musik überall?
Wenn beim Musizieren Perfektionsdruck verschwindet, entsteht etwas Heilsames.
Nicht ohne Arbeit. Räume verlangen einen bewussten Umgang mit Klang. Auch elektronische oder instrumentale Musik kann in Kirchen funktionieren – wenn man sie als resonante Klangräume begreift und nicht als Gegner. Kirchen tragen eine besondere Atmosphäre in sich, gespeist aus Jahrhunderten von Gebeten und Gesängen. Wichtig ist, bei neuen Nutzungen und Umbauten mitzudenken, dass Kirchenmusik immer auch gemeinschaftlich ist. Wenn Raum für eine Band möglich ist, sollte er entstehen. Das öffnet auch neue Wege in unsere Gesellschaft hinein.
Sie musizieren für Andachten auch in der Natur. Was verändert das?
Im Wald oder am See merke ich, wie reich schon die Klanglandschaft ist. Wenn man dort spielt wie im Konzertsaal, wirkt das invasiv. Also habe ich meinen Klang verändert – weichere Klänge, andere Frequenzen, mehr Zuhören. Es geht nicht um Lautstärke, sondern um Hinhören und Verbindung.
Hat das auch eine seelsorgerliche Dimension?
Ja. Wenn beim Musizieren Perfektionsdruck verschwindet, entsteht etwas Heilsames. Hingabe berührt Menschen. Nicht wir machen das, es ist der Klang selbst.
Wie klingt eine Kirche, in der Sie sich zu Hause fühlen?
Ich träume von einer Kirche, in der Jazz als Kirchenmusik selbstverständlich dazugehört. Wo Musikerinnen und Musiker, Hörerinnen und Hörer zusammenkommen und gemeinsam Gottesdienst feiern. In anderen Ländern kenne ich das – und wünsche mir, das auch hier zu erleben.